Hinter Klostermauern

Deutschland 1986

»Ora et labora. Bete und arbeite!«
— Ordensgrundsatz der Benediktiner

Die Klosterpforte von St. Gertrud, dem einzigen Zugang zur strengen »Klausur«, dem nur den Nonnen vorbehaltenem Klosterbereich.

Kloster St. Gertrud

Der Tag der Benediktinerinnen ist hart. Er beginnt in der Nacht. Um 4 Uhr 30 läuten die Glocken zum Morgengebet. Siebenmal am Tag versammeln sich die Schwestern zum Gebet, »um das Lob Gottes zu singen, seine Stimme zu hören, nach seiner Ruhe auszuschauen«, wie es im Stundenbuch des Ordens heißt. Mehr als fünf Stunden verbringen die Schwestern mit Chorgebet, heiliger Messe, Psalmsingen und Lesungen. Ihr Leben ist ein einziges Gebet. Dazwischen Arbeit in der Landwirtschaft und der Gärtnerei, in der Steppdeckennäherei, in der Paramentstickerei und in der Hostienbäckerei.

Ora et labora. Bete und arbeite. Von Freizeit hat der heilige Benedikt nichts gesagt, und so dauert die tägliche gemeinsame Rekreation am Abend nur eine halbe Stunde, dazu mittags eine Stunde Ruhezeit.

Drei Wochen fotografierte ich 1986 das Leben der Schwestern in strenger »Klausur«, einer Art geistlicher Isolierstation, die die Schwestern gewählt haben, um zu der inneren Stille zu kommen, die sie brauchen, »um Gottes Stimme zu hören«.

Damals war das Kloster St. Gertrud in Tettenweis ein Wirtschaftsunternehmen, das sich selbst trug. Das Durchschnittsalter seiner Arbeiterinnen lag bei 62 Jahren. Das Betriebsklima war gut. Zufriedene Gesichter, wohin ich auch blickte. Gott schien der ideale Arbeitgeber zu sein.

Heute, dreißig Jahre später, hat sich die Situation grundlegend geändert. Von den sechzig Nonnen während meines Aufenthaltes sind noch neun Schwestern übrig geblieben. Nachwuchsmangel und Überalterung machen dem Orden zu schaffen.Die deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) hat einige Zahlen dazu. Dramatisch ist der Zustand der Frauenorden, deren Mitgliederzahl sich zwischen 1993 und 2013 innerhalb von zwanzig Jahren mehr als halbiert hat. Wie viele Klöster in den vergangenen Jahren aufgegeben wurden, ist nicht bekannt. Eine Welle des Klostersterbens rollt übers Land. Der Ausverkauf der monastischen Kultur ist ein stiller Prozess, von dem die Öffentlichkeit kaum Notiz nimmt. Viele Orden müssen deshalb ihre Immobilie verkaufen. Wer folgt auf die Nonnen? So wird die Zukunft des Klosters St. Gertrud seit 2017 zusammen mit der Hans Lindner Stiftung gestaltet. Die Schwesternschaft vereinbarte mit ihr, dass die Stiftung das Klosterareal übernimmt, um dieses in ein attraktives Seniorenzentrum umzuwandeln.

Die Äbtissin Mutter Emmanuela leitet die mittägliche Lesung. Den Tagesablauf im Kloster bestimmt die Arbeit, seinen Takt gibt das Stundengebet der klösterlichen Gemeinschaft.

»Zusammen« heißt das Zauberwort des Klosterlebens: Die Schwestern tun alles im Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Verbundenheit mit Gott.

»Nicht die vielen Worte, sondern Lauterkeit des Herzens ziehen unserem Gebet die Erhörung zu. Darum sei das Gebet kurz und rein.«
— Ordensregel des Benedikt von Nursia (480-547)

Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit füllt den Tag der Benediktinerinnen. Dazwischen Morgengebet und Abendgebet, Messe und Meditationen, Psalmsingen und die persönliche Zwiesprache mit Gott.

Sechzig Frauen und ein Mann. Die Nonnen betrachten Jesus als ihren Partner. Ihr Fazit: Jesus ist langfristig der zuverlässigere Ehemann.

Die Abendhore. An der Farbe der Schleier lässt sich erkennen, wer sich Gott schon für die Ewigkeit hingegeben hat. Zwei Schwestern tragen Weiß, was so viel heißt, wie verlobt zu sein mit Christus, aber noch nicht endgültig ja gesagt zu haben.

»Der vorzüglichste Grad der Demut ist Gehorsam.«
— Ordensregel des Benedikt von Nursia (480-547)

Benediktinerinnen missionieren nicht und sind auch nicht karitativ tätig. Ihr Leben ist ein einziges Gebet.

Die Novizin Schwester Katharina. Ein halbes Jahr dauert das Postulat, zwei Jahre das Noviziat und drei Jahre das Gelübde bis zur ewigen Profess. Noch vier Jahre liegen vor Schwester Katharina, vier Jahre, in denen sie beten und arbeiten lernen wird, vier Jahre für das Studium der Bibel und der Psalmen, vier Jahre auf Probe nach den Regeln des Hl. Benedikt.

Der Ehering an der Hand, in den das Datum des Gelübdes, der Name der Nonne und sein Name eingraviert sind: Jesus.

In der Hostienbäckerei. Hostien nennt man das Brot, das die Kirchen zum Abendmahl verwenden. Hostien werden aus reinem Weizenmehl und Wasser hergestellt.

Die klostereigene Bäckerei, in der Brot und Semmeln für den Eigenbedarf und zum Verkauf im Klosterladen hergestellt werden.

»Denn erst dann sind sie wahre Mönche, wenn sie von der Arbeit ihrer Hände leben wie unsere Väter und Apostel.«
— Ordensregel des Benedikt von Nursia (480-547)

Eine Nummer bekommt jeder Brustschleier von Schwester Angela in der Wäscherei. Denn frisch gewaschen, gestärkt und gebügelt sind sie nicht mehr auseinanderzuhalten.

Schwester Fabiana beim klösterlichen Frühjahrsputz.

Die achtzigjährige Schwester Fidelis arbeitet in der Schweinezucht. Täglich müssen die Schweinekoben für die 400 Schweine gereinigt werden.

»Aber leichtfertiges oder müßiges und zum Lachen reizendes Geschwätz verbannen und verdammen wir für immer.«
— Ordensregel des Benedikt von Nursia (480-547)

Im Augenblick beten sie nicht, im Augenblick ist Rekreation, die gemeinsame Ruhezeit, in der getuschelt und gelacht wird.

Schwester Fidelis füttert die Schweine im Koben. Das Kloster St. Gertrud war einmal ein floriendes Wirtschaftsunternehmen, das sich selber trug.

Käfighaltung hinter Klostermauern. Die Umstellung auf Freilandgehege sollte noch Jahre dauern, bis selbst die deutsche Bischofskonferenz die massenhafte Nutztierhaltung als »nicht mehr schöpfungsgemäss« geißelte.

»Doch lege man das Kloster womöglich so an, dass alles, was man braucht und auch die verschiedenen Werkstätten sich innerhalb der Klostermauer befinden, damit die Mönche nicht gezwungen sind, draußen umherzuschweifen, weil das ihren Seelen durchaus nicht zuträglich ist.«
— Ordensregel des Benedikt von Nursia (480-547)

Ein moderner Betrieb erfordert moderne Mittel: Schwester Bernadette auf dem Traktor.

Der größte Ernteertrag in der Klostergärtnerei wird im Sommer mit Tomaten, Salaten und Karotten erzielt, im Winter mit Feldsalat. Die Ernte wird fast vollständig in der Klosterküche für Nonnen und Gäste verwertet und es gibt ein reichhaltiges Kräutersortiment. Alles, was ein gutes Essen noch besser macht.

Die beiden Novizinnen Frauke und Petra bei der Kartoffelernte. Mit der neuen Ordenstracht erhielten sie auch einen neuen Namen: Frauke heißt jetzt Schwester Theresa und Petra Schwester Katharina.

»Müßiggang ist der Feind der Seele.«
— Ordensregel des Benedikt von Nursia (480-547)

Novizin Katharina. Ihre Berufungsgeschichte ist die Geschichte eines coup de foudre: Liebe auf den ersten Blick mit allem, was dazu gehört – Herzklopfen und Heimlichkeiten und Durchbrennen, denn der Vater war zuerst ganz und gar nicht einverstanden mit der Wahl seiner Tochter, ins Kloster zu gehen.

Der Küchendienst ist gemeinsam. Benedikt schreibt in seiner Regel vom Küchendienst im Kloster: »Dieser Dienst lässt die Liebe wachsen«. Klösterlicher Tagesrythmus und der Raum des Gebets und des Schweigens laden dazu ein, in jeder Lebenssituation ganz vor Gott da zu sein.

Im Handkarren wird die Post des Klosters ins Dorf gebracht.