Geschichten vom Land

Österreich / Deutschland 1983–1984

»Die Erde bringt Menschen von Wert hervor und solche, die nichts taugen.«
— Spruch eines Bauern, zitiert von Jean Pierre Vernant, 1971

Jeden Sommer zieht der Wimberger Sepp mit seinem Vieh nach der Tradition der »Almnomaden« über die Bergweiden. Nach jedem Unwetter wird der Platz vor dem Eingang der Hütte zum knöcheltiefen Morast und jeden Morgen verschwindet Sepp auf einem Pfad, der ins Gebüsch führt. Eine andere Toilette gibt es nicht. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

Die folgenden Bilder sind wieder einmal mehr eine Bestandsaufnahme des ländlichen Lebens vor dem Hintergrund des Verschwindens der bäuerlichen Kultur. Die Idee kam mir nach der Lektüre des Buches »Sauerde«, geschrieben und erzählt von einem, der nicht aus dem Dorf und ihm doch sehr nahe gekommen ist: Sein halbes Leben, bis zu seinem Tod, verbrachte der englische Schriftsteller, Kunstkritiker und Essayist John Berger unter den Bauern eines Bergdorfes in Savoyen, Frankreich. »Sauerde« ist frei von jeder Sentimentalisierung, aber auch Heroisierung der Bauernwelt. Seine Geschichten von den Menschen und Tieren auf dem Lande, von Geburt und Tod, vom Sterben und Schlachten, zeichnen sich durch empfindsame Nüchternheit aus, durch eine schöne Balance von genauer Beobachtung und sparsamer Poesie. In einem historischen Nachwort erklärt er, was ihn auf sein Thema gebracht und was ihn für die Bauern eingenommen hat.

Industrie und Konsumgesellschaft, die ganze moderne Ökonomie, schreibt Berger, scheint die Bauern zum Untergang zu verurteilen: »In hundert Jahren gibt es vielleicht keine Bauern mehr«. Gegen solchen Fortschritt des Aufgebens und Vergessens, stemmt sich sein Buch »Sauerde«. In einer Zeit, da alles nach Rentabilität und Funktionalität bemessen wird, immer weniger Menschen immer raffiniertere Maschinen bedienen, dokumentiert »Sauerde« um so eindringlicher die Unaufhaltsamkeit dieser Entwicklung.

So liegt auch meinem Interesse für bestimmte Themen und Motive ein gemeinsamer Nenner zugrunde. Und ich glaube, dass ich nach und nach meiner Kamera beibrachte, dasselbe zu sehen: Lebensverhältnisse und Strukturen, die zwar noch existieren, die aber angesichts fortschreitender Veränderungen auf verlorenem Posten stehen.

Mit meinen »Geschichten vom Land« wollte ich Spuren des Humanen sichern, Widerstand leisten gegen eine »historische Eliminierung« der Bauern, an deren Ende unausweichlich der Verlust jedes Gefühls für Geschichtlichkeit droht: Widerstand gegen die Furie des Vergessens und des Verschwindens. Die Bauern als historisch abzutun, ihre besondere Erfahrung und Weltsicht, in der sich Realitätssinn und Mythos mischen, als »irrelevant für das moderne Leben« zu verwerfen, findet John Berger, »hieße, den Wert von zu vieler Geschichte und zu vielen gelebten Leben zu leugnen«.

Während des Alpsommers haben sich die drei Säue schlachtreif gefressen. Vor der Rückkehr ins Tal kommt der Metzger. Das Fleisch gibt in den nächsten zwölf Monaten der Suppe Fülle, den Kartoffeln Geschmack und kommt in die Wurst, wird als Schinken und Speck gesalzen und getrocknet. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

Armin steht jeden Morgen um halb fünf auf. Bis kurz vor sieben arbeitet er dann im Stall: er muss die beiden Kühe melken, ausmisten, Heu verteilen, Streu einlegen und die Milch in der Zentrifuge entrahmen. — Deutschland, Allgäu, Holzschlagalpe, 1984

»Bauern leben stündlich, täglich, jahrein, jahraus, von Generation zu Generation mit der Veränderung. Es gibt kaum eine Konstante in ihrem Leben, außer der konstanten Notwendigkeit zu arbeiten.«
— John Berger aus »Sauerde«, 1979

Auf der offenen Herdstelle flackert ein Feuer. Der Fußboden ist aus gestampften Lehm. Regal, Bänke und Bett sind roh aus Holz gezimmert und verräuchert wie der Speck, der im Abzug hängt. Feuchtigkeit ist überall, und der Wind streicht durch die Ritzen. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

Nur vom Herd breitet sich wohlige Wärme aus. Da sitzt er dann und sinniert über das Wetter. »Es will nicht aufhören« sagt er immer wieder. Er meint den Regen und er spricht vom Wetter, als sei es eine unheilbare Krankheit. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

»Der Schrank im Schlafzimmer, das Bett, auf dem er saß, all diese Gegenstände aus Holz, so solide anzufassen, abgenutzt und blankpoliert, geborgen vor dem Schnee, ins Haus gekommen, bevor er geboren wurde, aus einem Holz gebaut, das aus dem Wald stammte, der nun durch das Fenster nichts weiter als ein Dunkel hinter dem fallenden Schnee war, sie gemahnten ihn mit einer Macht, wie er sie nie zuvor erlebt hatte, an all die Toten, die seine Familie waren und die auf demselben Hof gelebt und gearbeitet hatten. Seine Vorfahren waren hier im Hause bei ihm.«
— John Berger aus »Sauerde«, 1979

Wortlos sitzen Sepp und sein Bruder Georg am Abend auf der Bank. Die Arbeiten teilen sich die Brüder so unter sich auf, dass sie einander aus dem Weg gehen können. Sie verstehen sich ohne viel Worte. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

»Mit den Menschen«, sagt Sepp, »komme ich nicht so gut aus. Aber mit den Tieren. Die folgen mir«. Sepp hat 3 Ferkel, eine Geiß, einen Ziegenbock, Hund und Katzen, drei Milchkühe, ein Pferd, ein Fohlen, sieben Stück Jungvieh, zwei Kälber und Hühner. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

»Zu jeder Tierart redete Pepe mit verschiedener Stimme, machte verschiedene Laute. Mit der Stute sprach er sanft und gleichmäßig, und wenn er sich wiederholte, war es, als spräche er mit einem Kameraden, der taub geworden war.«
— John Berger aus »Sauerde«, 1979

Hinter den Bergen, hinter der Zeit. Für den Wimberger Sepp, erzählen die Leute im Dorf, ist die Zeit stehen geblieben. Er ist der letzte im Rauriser Tal, der noch im Sommer mit seinem Vieh auf die Bergmähder zieht. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

Das letzte Gras ist gemäht, das Vieh versorgt. Abends, wenn Sepp sein Bett mit seinem Hund teilt, fallen ihm vor Müdigkeit die Augen zu. Dann sieht er so alt aus, wie er ist. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

»Oft döste er ein. Er dachte daran, wie jetzt jede Woche ein wenig mehr Licht in den Heuboden oben hereinkam, da die großen Heustapel weniger wurden und die Sonne ein wenig heller durch die Ritzen in den Sparren schien.«
— John Berger aus »Sauerde«, 1979

Die ungeheuer große Mannigfaltigkeit der religiösen Bräuche und Rituale ist der Schutz gegen einen Zustand beständigen Wechsels wie Schlechtwetterperioden, Trockenheiten, Unfälle oder Missernten. Dagegen soll das Rosenkranzgebet helfen. — Deutschland, Niederbayern, Lohberg, 1984

Gesichter spiegeln das Leben – Hände auch. Sie haben ihre eigene, besondere Physiognomie. Sie erzählen von Mühe und Arbeit, von Alter und Einsamkeit, aber auch von der Zärtlichkeit, die sie ausgeteilt und empfangen haben. Hände erzählen, wie das Leben war. — Deutschland, Niederbayern, Eggersberg, 1984

»Unermüdlich darauf aus, der Erde ein Leben abzuringen, in eine Gegenwart endloser Arbeit gestellt, sieht der Bauer das Leben als ein Zwischenspiel. Dies wird bestätigt durch seinen täglich vertrauten Umgang mit dem Zyklus von Geburt, Leben und Tod.«
— John Berger aus »Sauerde«, 1979

Die alte Theresa knetet einen Teig aus Mehl und Sauerteig. Im Ofen vor dem Haus will sie morgen Brot backen. Die Altbauern sind Selbstversorger. Was sie im Dorf kaufen, können sie an einer Hand abzählen: Zucker, Salz, Kaffee und Bier. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

Die alte Theresa vom Reichenberghof hat ein Leben lang ihr eigenes Brot gebacken. Mit ihrer Tochter schleppt sie die mächtigen Laibe zum Backofen hinter dem Haus. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

Es braucht zwei Milchkannen heißes Wasser, um die Sau im Zuber einzuweichen und zu rasieren. Danach wird sie mit einem Flaschenzug hochgehievt und ausgenommen. Zum Schlachtfest wird dann getrunken und gefeiert. — Deutschland, Chiemgau, Schleching, 1984

»Die Sau kämpfte, wissend, dass es zu spät war. Ihre Schreie wurden zu tiefem Schnaufen. Ihr Tod war wie eine Schüssel, die sich leerte.«
— John Berger aus »Sauerde«, 1979

Das Gras wird noch mit der Sense geschnitten, mit dem Ziehrechen gesammelt, mit der Gabel gewendet und den Hang hinuntergereicht. Alles geht von Hand. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

»Heu gabeln, wenden, heben kann wie ein Spiel sein, aber an diesem drückenden, trügerischen, wespenerfüllten Nachmittag das Heu hinunterzugabeln war wie der Versuch, einen aufgerissenen Sack zu tragen.«
— John Berger aus »Sauerde«, 1979

Auf dem steilen Hang über dem Hochberghof ist die Welt der Traktoren und Motormäher zu Ende. Bergbauer Herbert Wallner lädt Heu auf den hölzernen Ziehschlitten. Vor Tagen hat er das Gras mit der Sense geschnitten. — Österreich, Rauriser Tal, 1983

Draußen weht ein eisiger Wind vom Böhmischen her. Im Winter, wenn die Hofarbeit ruht, vergeht die Zeit mit dem Binden von Besen aus Reisig. In dieser Gegend des Bayerischen Waldes sagen die Bauer: »Ein dreiviertel Jahr Winter, ein viertel Jahr kalt.« — Deutschland, Niederbayern, Eggersberg, 1984

Jeden Winter schlägt der Waldbauer Max Haberl bis zu 200 Festmeter Holz. Teils im Nebenerwerb als Lohnarbeit für Sägewerke, teils zum Eigenbedarf und zum Verkauf aus seinem privaten Waldbesitz. — Deutschland, Niederbayern, Lohberg, 1984

»Wenn der Karren mit einer Fuhre von vierhundert Kilo beladen war, zog die junge Stute den Hang hinauf an, so schnell sie konnte, um Schwung für den Anstieg zu bekommen. Oft waren sie gezwungen anzuhalten, um wieder zu Atem zu kommen, ehe es weiter hinaufging.«
— John Berger aus »Sauerde«, 1979

Knochenhart ist die Arbeit für Mensch und Ross im Wald. Mit dem Sappies, einer gebogenen Spitzhacke, werden die Stämme auf den Schlitten gewuchtet. — Deutschland, Niederbayern, Lohberg, 1984

Bis zum Abend haben sie zehn Schlittenladungen zum Forstweg transportiert, bevor es eine Brotzeit gibt. Wenn die Bauern dann nach Hause kommen und die Pferde versorgt sind, sehen sie manchmal so aus, als würden sie gleich umfallen vor Erschöpfung. — Deutschland, Niederbayern, Lohberg, 1984

Unentbehrliche Helfer beim Holztransport sind Kaltblutpferde. Sanfte, phlegmatische Kraftprotze, die den Zugmaschinen im dichten Wald überlegen und umweltschonend dazu sind. — Deutschland, Niederbayern, Lohberg, 1984

»Die Wirtschaftsplaner der europäischen Gemeinschaft sehen die systematische Eliminierung des Bauern bis zum Ende des Jahrhunderts vor, wenn nicht früher. Aus kurzfristig politischen Gründen gebrauchen sie nicht das Wort Eliminierung, sondern das Wort Modernisierung. In hundert Jahren gibt es vielleicht keine Bauern mehr.«
— John Berger aus »Sauerde«, 1979

Der »Schirglehen-Hof«, ein Anwesen nahe der tschechischen Grenze im Bayerischen Wald. Anfang Januar kommt hier der große Schnee und die Kälte. Oft müssen die Bauern dann bis zum Tauwetter im Frühjahr warten, um die geschlagenen Holzstämme aus dem Wald zu »reißen«. — Deutschland, Niederbayern, Lohberg, 1984