Europäischer Augenblick

Chronologie einer Auflösung 1989–1993

»Bevor wir antworten, müssen wir uns fragen, was denn da eigentlich zu Ende gegangen ist. Es fehlt nicht an Stimmen, die uns sagen, worum es sich handelt: Die Geschichte! Die Ideologie! Der Sozialismus! Solche Antworten sind wenig überzeugend. Dennoch: etwas Großes ist zu Ende gegangen.«
— John Berger, aus »Gute Nachrichten. Schlechte Nachrichten.«, 1992

Wind des Wandels. Der englischsprachige Text des Scorpion-Songs »Wind of Change« feierte den gegen Ende der 1980er Jahre eingetretenen politischen Wandel in Osteuropa. Der Song gab die Zeitstimmung wieder, als mit Glasnost und Perestroika die große politische Wende in Europa begann und wurde zur Erkennungsmelodie des Wandels. — Tschechien, Prag, Januar 1989

Wende

Die entscheidende Zäsur in diesem Prozess war das Jahr 1989, das mittlerweile als eines der Schlüsseljahre des 20. Jahrhunderts gilt. 1989 ereignete sich kein nationales Ereignis, sondern ein weltweit historischer, bis heute nicht abgeschlossener Prozess, der den gesamten Osten Europas erfasste. Die unmittelbaren Folgen dieser epochalen Zäsur waren von großer Tragweite: Die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion, die weitgehend friedlichen Revolutionen in den Ostblockstaaten und im Gegensatz zum friedvollen Systemwechsel in Osteuropa der von Gewalt, Krieg und Zwangsemigration gezeichnete Umbruch im ehemaligen Jugoslawien.

Diese Geschehnisse habe ich über einen langen Zeitraum auf zwei Schauplätzen beobachtet und dokumentiert: des Schauplatzes der großen Politik, sowie des Schauplatzes der irdischen Existenz. Die politische Szene rotierte dabei unvergleichlich schneller als die Szenen des täglichen Lebens. Die Systeme wechselten, die herrschenden Parteien und Führer wechselten, Kriege und Revolutionen kamen und gingen. Doch der Mensch lebte, wie er immer gelebt hatte. Er hatte keine Wohnung und oft auch keine Arbeit. Das Haus war heruntergekommen, die Straßen voller Löcher und man arbeitete von früh bis spät, um ein erbärmliches Dasein zu fristen.

Prager Passion. 1968 war das Jahr des »Prager Frühlings«, der jäh vom Einmarsch des »Warschauer Paktes« niedergewalzt wurde. Es begann die sogenannte »Normalisierung« - eine Periode der Finsternis, die erst im November 1989 mit der »Samtenen Revolution« endete. Die weitgehend friedlichen Revolutionen in Osteuropa 1989 hatten maßgeblich in Prag 1968 ihre Wurzeln. — Tschechien, Prag, Januar 1989

Kaum weniger gewaltig als das Westminster. Das ungarische Parlament am Donauufer. Eine architektonische Kulisse, die ihresgleichen sucht. Doch hinter dem Hang zum Überschwang verbarg sich auch ein tragisches Lebensgefühl, in dem die Erfahrungen einer leidvollen Geschichte aufgehoben sind. Dass das Parlament zum Ort realer demokratischer Repräsentanz wird, darauf warteten die Ungarn seit seinem Baubeginn 1896. Dieser Traum erfüllte sich erst mit der »Wende« 1989. — Ungarn, Budapest, April 1989

Casa Poporului, »Der Palast des Volkes«. Die Baukosten sind nur schwer zu beziffern In einer Schätzung ist von 3,3 Milliarden Euro die Rede. Was bis zu 40% des jährlichen Bruttosozialprodukts Rumäniens entsprach. Ceausescus größenwahnsinniger Traum vom »Goldenen Zeitalter« hatte sein Volk auf Diät gesetzt. Während er die Auslandsschulden mit rücksichtsloser Sparpolitik praktisch auf Null gebracht hatte, hungerte und fror man in dem einst blühenden Agrarland. — Rumänien, Bukarest, März 1989

»In Diktaturen gehören Armut oder Mangel zu den Instrumenten der Macht. Ideologien auf dem Papier reichen zur Beherrschung nicht aus. Die Armut im Land ist Bestandteil und geplante Folge der Ideologie. Die Regierenden sind davon nicht betroffen, sie haben versteckt im armen Land ihren reichen Staat.«
— Herta Müller

Ein letzter Erster Mai im Prager Letna-Park. Noch einmal liess die Partei ihr Volk, die Veteranen, verdienten Altkommunisten und Fahnen schwingende Pioniere an sich vorbeiziehen. Einen Tag später öffnete Ungarn den »Eisernen Vorhang« und gestattet tausenden DDR-Bürgern die Flucht in den Westen. — Tschechien, Prag, 1. Mai 1989

Maifeier am Kampftag der Arbeiterklasse im Letna-Park. Keiner ahnte, dass all die Orden und Ehrenzeichen schon wenig später auf dem Prager Flohmarkt verramscht werden. Und dass im Spätherbst im Letna-Park Vaclav Havel und Alexander Dubcek ihre erste öffentliche Rede vor 1 Million Zuhörern halten werden. — Tschechien, Prag, 1. Mai 1989

Die letzte große Demonstration der kommunistischen Staatsmacht fand am 28. Oktober 1989 auf dem Wenzelsplatz statt. Eine staatlich verordnete Jubelfeier mit der offiziellen Vereidigung von 1500 Rekruten. — Tschechien, Prag, 28. Oktober 1989

Tingeltangel aus Odessa in der Sowjetunion. Die Mädchen haben die staatliche Ballettschule besucht. Dann wurden sie vom Staat auf Tour geschickt. Sie tingeln mit ihrem Choreografen durch die bulgarische Provinz. Sie tanzen vor Parteigenossen und neureichen Jungunternehmern und träumen von der großen Karriere im Westen. — Bulgarien, Plovdiv, März 1990

Im prächtigen Dampfbad des Gellerthotel. Ruhe zwischen Marmor und Majolika-Dekorationen. Erholung in den 38 Grad warmen Thermalbecken für die, die es sich leisten können. In Ungarn gab es 1989 rund 20 000 Familien, die über ein Vermögen von 250 000 Euro verfügten. Dagegen stand: der Budapester Durchschnittsverdiener verdiente nur rund 100 Euro pro Monat. — Ungarn, Budapest, März 1989

Die Ärmsten der Armen. Etwa 200 Straßenkinder lebten im Nordbahnhof. Glücklich, wer im Winter einen Schlafplatz auf der Heizung ergatterte. Eine ganze Generation von Kaspar Hausers, die das Sprechen, Lesen und Schreiben nie gelernt haben. Junge Altlasten eines Systems, in dem Gebärzwang herrschte. Abort und Verhütung waren unter Ceausescu strengstens verboten. Der Tyrann ist mittlerweile tot. Die ungewollten und ausgesetzten Kinder laufen weiter durch die Welt. — Rumänien, Bukarest, Januar 1992

»In der Ecke steht Valentin Cricianescu, ein Wrack von 13 Jahren in einer Wolldecke. Ohne die Augen abzuwenden, ohne die Lider zu bewegen, stülpt er sich die Tüte mit Auro-Lack über die Lippen und saugt mit aller Kraft der Lungen.«
— Alexander Smoltczyk, aus »Von Hunden und Kindern«, 1992

Vor dem Monument der heldenhaften Eisenbahner Rumäniens am Nordbahnhof steht ein Betonbrunnen, in diesem Winter nur gefüllt mit Regenwasser, aufgeweichten Kippen und Cola-Dosen. Eine glitschige Eisenstiege führt 3 Meter hinunter in ein Loch, aus dem ein warmer Hauch von Benzoldämpfen, Brackwasser und Urin emporkriecht. Es nimmt einem den Atem, legt sich auf die Lunge, je tiefer man steigt. Unten steht das Wasser, eine 15-Watt-Birne leuchtet über neun Quadratmeter. Hier, im Pumpenraum des Bahnhofsbrunnens, leben elf Jungen. In der Ecke steht Valentin Cricianescu, ein Wrack von 13 Jahren in einer Wolldecke. Ohne die Augen abzuwenden, ohne die Lider zu bewegen, stülpt er sich die Tüte mit Auro-Lack über die Lippen und saugt mit aller Kraft der Lungen. Es zieht wie ein Schleier über die Pupillen und einen Moment lang heben sich die Augen.

Bukarester Bahnhofskinder schlafen einen Häuserblock weiter unter dem Entlüftungsrohr der Cafeteria. Da sei es wärmer. Und sicherer. Denn nicht selten wird, wer betäubt vom Benzoldunst in einer abgelegenen Ecke im Bahnhof liegt, angezündet oder mit eiskaltem Wasser im Winter übergossen. Nur zum Spaß. — Rumänien, Bukarest, 1. Januar 1992

Neues Jahr in Bukarest. Trauer am Grab von Nicolae Ceausescu. Der Tyrann wurde verscharrt wie ein Hund. Aber an Neujahr ist sein Grab mit Lametta und Kerzen geschmückt. Auch Bahnhofskind Manolesu Stela ist zum Grab gekommen, um Geld zu verdienen. Er verkauft Blechringe, bettelt und singt. Viele sind wie er aus einem Waisenhaus in der Provinz ausgerissen und am Bahnhof Nord in Bukarest gestrandet. — Rumänien, Bukarest, 1. Januar 1992

Nach acht Stunden Brikettschleppen sitzt der Ruß in jeder Pore. Zehn Tonnen schleppten die »Sackneger« am Tag für ein paar Ostmark am Monatsende. Niemand in der DDR hatte so schwer zu schleppen wie sie. Wer beim Schwarzhandel erwischt wurde, kam in den Knast. Und wer aus dem Knast kam, der wurde mit ziemlicher Sicherheit zu den schwarzen Männern geschickt. — DDR, Dresden, Dezember 1989

Schattenseite einer Stadt. Der 7. Bezirk um den Markt am Telski Leszloter erinnert an Elendsschilderungen von Charles Dickens. Auf der Renovierungsliste steht das Arbeiterviertel ganz unten, denn hier gibt es keine Paläste noch Kirchen. — Ungarn, Budapest, September 1989

Das Arbeiterviertel Zizkov, Erbe des totalitären Systems. Die Armut der Arbeiter, die Armut der Wohnungen, der Kleidung, des Essens. Die Armut des Lebens. Wegen der relativ günstigen Mieten und der Nähe zum Zentrum, hat sich Zizkov seit der Wende zu einem Zentrum der Prager Künstler - und Kneipenszene entwickelt. — Tschechien, Prag, Oktober 1989

In der Josefstadt, dem 8. Bezirk, lasten die Gesetze der Schwerkraft drückender auf den Schultern der Menschen. Altersschwach blättert die Haut von den Mauern und Mietshäusern. — Ungarn, Budapest, Juni 1989

Die Altstadt von Krakau, 1978 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Krakau ist die Stadt mit der höchsten Luftverschmutzung in Polen. Die Abgase aus der stark industriellen Region Schlesiens ziehen ins Stadtgebiet und zersetzen Skulpturen und Fassaden. — Polen, Krakau, Juni 1992

Noch leuchtet der rote Stern über dem Parteigebäude in Sofia. Doch im Zug der Demonstranten läuft der greise Diktator Todor Schiwkoff nur noch als Karikatur mit, als Maske der alten Zeit. Der allmächtige Herrscher Bulgariens wurde über Nacht zum Popanz, den das Volk als Beute mit sich führt. — Bulgarien, Sofia, Januar 1990

Am 25. und 26. November 1989 fand auf dem Letna-Gelände eine Demonstration mit annähernd einer Million Teilnehmern statt. Auch Alexander Dubcek, hier auf dem Plakat eines Demonstranten, trat auf. Dubcek war 1968 ein Vertreter des »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« während des »Prager Frühlings«. — Tschechien, Prag, 26. November 1989

»Manchmal glaube ich«, sagt Hans Madej, »ich habe meine besten Aufnahmen nie gesehen.«
— Tobias Kniebe, Süddeutsche Zeitung

»Manchmal glaube ich«, sagt Hans Madej, »ich habe meine besten Aufnahmen nie gesehen«. Dann erinnert er sich an einzelne Szenen, als wären sie in seinem Gedächtnis eingebrannt. An die Demonstranten etwa, die im Oktober 1988 in Prag von der Polizei eingekreist wurden: Wie sie sich am Altstädter Ring in den Strahl der Wasserwerfer stellten und ihre Hemden dabei aufrissen. Wie sie mit diesen einfachen und symbolischen Gesten ein Zeichen schufen für ihren gewaltlosen Widerstand und für den Wandel, der schon bald die alten Machthaber hinwegfegen würde. Hans Madej war als einziger westlicher Journalist dabei. Er photographierte fieberhaft, bis er von ein paar unauffälligen Herren an den Rand gedrängt wurde. Sekunden später war seine Kamera leer, er hatte keinen einzigen Film mehr. »Das ist schon eine irre Vorstellung«, sagt er. »Die beschlagnahmten Aufnahmen vieler Fotografen liegen vielleicht noch immer in den Archiven des Ostens. Man müsste daraus eine Ausstellung machen…«

Wie die meisten Augenblicke großen Glücks waren die Vorgänge 1989 in Osteuropa unvorhersehbar. Aber ist Glück überhaupt das richtige Wort, um die Gefühlsregung zu bezeichnen, die in diesem Winter Millionen von Menschen erfasst hatte? — Tschechien, Prag, Dezember 1989

Am 17. November 1989 sprang der Funke der »Wende« auf Prag über und begann die »Samtene Revolution«. An diesem Tag fand das Gedenken an Jan Opletal statt, den die Nationalsozialisten 1939 nach ihrem Einmarsch in Prag ermordet hatten. Die Kundgebung wurde brutal durch Polizeikräfte beendet. Einen Tag später verbreitete sich das Gerücht, ein Student sei dabei getötet worden. Die Nachricht mobilisierte die Bürger, die sich in den kommenden Tagen und Wochen zu Tausenden auf dem Wenzelsplatz versammelten. — Tschechien, Prag, Dezember 1989

Hungerstreik anlässlich des 50. Jahrestages des Hitler-Stalin-Pakts. Diese »vertrauliche Absprache« eines Nichtangriffpakts zwischen Ribbentrop und Molotow ist bis heute ein Trauma in Litauen. Es ist der Inbegriff doppelter totalitärer Schreckensherrschaft, der nationalsozialistischen wie der sowjetischen. Doch während der NS-Terror 1945 endete, setzte sich die sowjetische Vorherrschaft bis Ende 1989 fort. — Litauen, Vilnius, August 1989

Von September bis Anfang Oktober 1989 hatten sich über 4000 DDR-Bürger in die Deutsche Botschaft nach Prag geflüchtet und bevölkerten die Straßen um die Botschaft. Am 30. September verkündete nach zähen Verhandlungen Dietrich Genscher den Flüchtlingen die genehmigte Ausreise in die BRD. — Tschechien, Prag, September 1989

»Es ist vorüber. Tschechen sind frei«. Graffiti am Wenzelsplatz. — Tschechien, Prag, Dezember 1989

Der Tag, an dem die Mauer fiel. Bruchstücke der Berliner Mauer wurden in der ganzen Welt verkauft. Rostropowitsch spielte Cello an der Mauer, die nun keine Schatten mehr wirft, und eine Million Ostberliner drängten in den Westen, um mit einem Taschengeld, das sie sich bei westdeutschen Banken abholten, einkaufen zu gehen! — Deutschland, Berlin, 9. November 1989, tagsüber

»Allen unbeantworteten Fragen zum Trotz beharre ich auf dem Glück, das auf diesem Foto zu sehen ist. Nie hätte ich erwartet, ein solches Glück zu erleben. Ein Glück, das die Hoffnung unseres an seiner einzigartigen Erfahrung so schwer tragenden Jahrhunderts in sich birgt«. (Hans Madej) — Deutschland, Berlin, 9. November 1989, nachts

Ein Kosovo-Albaner mit der im Kosovo verbotenen albanischen Flagge, der Flamuri. Kaum beschleunigte sich die Entwicklung im Osten, waren sie alle wieder da, die vergangen geglaubten Phänomene: Separatismus, Nationalismus, Völkerhass und Glaubenskriege. Wie ein unverhofft zurückgekehrter Tyrannosaurus Rex standen die alten Gespenster des Balkans plötzlich wieder im Haus Europa. — Kosovo, Pristina, April 1990

»Von 1987 bis 1994 war ich Zeuge der sogenannten Wende im Osten Europas. Nach Jahrzehnten der Erstarrung erfolgte eine ungeheuere, taumelnde Beschleunigung. Oder, frei nach Einstein: eine träge Masse wurde innerhalb von Tagen und Monaten auf Lichtgeschwindigkeit gebracht. Das setzte Energien frei und relativierte Zeit und Raum. Das Ewige wurde schlicht abgeschafft. Eherne Denkmäler stürzten, Rote Sterne fielen, Flaggen wurden zerschnitten, Dichter und Elektriker wurden zu Staatspräsidenten. Alles geschah über Nacht.«
— Hans Madej in »Prager Zeitung«, 2016

Weniger als 10% der Bevölkerung im Kosovo sind Serben. Stolz präsentiert sich der serbische Freischärler mit Tschetnikmütze und dem Porträt des kommunistischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Milosovic wurde 1999 vor dem Internationalen Strafgerichtshof Völkermord, ethische Säuberungen und Kriegsverbrechen vorgeworfen. — Kosovo, Slivovo, April 1990

Haxhi Osmanaj, 28 Jahre alt. Ausgewandert nach Offenbach, eines Abends erschossen und als toter Sohn heimgekehrt in den Kosovo. »Es waren Serben«, weiß die trauernde Familie. Auch wenn die Polizei keine Beweise hat. — Kosovo, Trubahofc, April 1990

Erst im April 1993 schreitet die UN in Bosnien ein. Tausende Bosniaken wurden unter Aufsicht des UNHCR aus der von Serben eingekesselten Stadt Srebrenica evakuiert. Zu kritisch waren zu diesem Zeitpunkt die Lebensbedingungen in der monatelang eingeschlossenen Stadt: Die Trinkwasser – und Stromversorgung war zusammengebrochen, es gab keine Nahrung und keine Medikamente. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit wurde die Enklave zum Symbol des Schreckens. — Bosnien, Tuzla, April 1993

152mm-Geschütze der serbischen Artillerie haben das Nachbarhaus der alten Frau in Schutt und Asche gelegt. Schlimm, dass es meist schnellgewendete Partei-Kommunisten sind, die auf den ethnischen Konfliktherden ihr Süppchen kochen. Schlimmer noch: dass es wieder einmal die einfachen Leute sind, die die Rechnung mit dem Verlust ihrer Angehörigen und Dörfer zu bezahlen haben. — Kroatien, Slano 1992

»Von irgendwoher waren Schüsse zu hören gewesen, wie Händeklatschen, dann wieder Vogelstimmen, und dann dieses Splittern am Fenster, und der Krieg war da. Er war nicht zu sehen, nur zu hören.«
— Alexander Smoltczyk, aus »Schrebergartenkrieg«, 1993

»Der Krieg begann am Freitagmorgen um Viertel vor sechs. Hans hatte Objektive, Filme, Hemden, Notizen über den Boden verteilt und wollte sie am Morgen neu packen. Jetzt war da ein scharfgeschnittenes, kreisrundes Loch im Spiegel, und Glasstaub bedeckte die Sachen im Zimmer. Von irgendwoher waren Schüsse zu hören gewesen, wie Händeklatschen, dann wieder Vogelstimmen, und dann dieses Splittern am Fenster, und der Krieg war da. Er war nicht zu sehen, nur zu hören. Wir hockten im Treppenhaus der Tankstelle von Vitez, und ringsum wurde die Welt zerrissen von Schlägen, laut und dicht und überall wie plötzliches Erwachen. Das Telefon klingelte. Niemand nahm ab. Und dann war plötzlich dieser keuchende Mann im Tarnanzug da. Die Abzeichen am Ärmel mit weißem Tesaband verdeckt. Der Mann hatte die Augen aufgerissen, und seine Strumpfmaske wölbte sich im Takt des Keuchens. Der Mann ließ sich stumm unsere Ausweise zeigen, rannte die Treppe hinauf und begann im Obergeschoss die Türen einzutreten. Jedes mal hielt er seine Kalaschnikow hinein. Im Nacken zog sich die Haut zusammen. Gleich hinter den Ohren. Er ließ uns gehen.«

Zum ersten Mal seit 6 Monaten wird Dubrovniks Altstadt wieder bombardiert. Die Mauern sind hier 600 Jahre alt. Seit dem 14. Oktober 1991, dem Anfang der Belagerung durch die Serben, sind über 90.000 Granaten im Stadtgebiet eingeschlagen. Die Treffer sind nicht gezielt, sondern reiner Zufall. — Kroatien, Dubrovnik, Mai 1992

Bei einer serbischen Offensive ist die kroatische Dorfkirche in Osojnik zerstört worden. Wo bislang Adria–Urlaub gemacht wurde, schlachten sich Milizen ab, wird vergewaltigt und gebrandschatzt wie im Dreißigjährigen Krieg. Und Politiker finden sich, die aus Mythen und Geschichtsfragmenten ein ebenso windiges wie mit Gebietsansprüchen bewehrtes Nationalgefühl zimmern. — Kroatien, Osojnik, Juni 1992

»Ich erwähne diese Widerwärtigkeiten und Albträume des täglichen Lebens, weil in der Flut der Informationen über die Ereignisse, die die Welt überschwemmen, die Bilder vom Alltag der Menschen fehlen, dieser Millionen und aber Millionen bedrückter, verelendeter und verarmter Bürger, die Nahrung, Kleidung und oft auch einfach ein Dach über dem Kopf suchen.«
— Ryszard Kapuscinski aus »Imperium«, 1993

Bombenalarm in Dubrovnik. Alle paar Minuten schlägt eine Granate ein. Trifft das Kloster von 1310, die Kathedrale von 1713, den Brunnen von 1448. Die Angriffe der Serben sind reiner Terror. »Kulturellen Genozid« nennt ein Bewohner diesen Beschuss. »Die Serben zerstören unsere Vergangenheit, unsere Erinnerungen, unsere Geschichte. Das ist nicht Vandalismus oder Barbarei. Das ist schlimmer. So schlimm, dass man dafür ein neues Wort erfinden müsste«. — Kroatien, Dubrovnik, Mai 1992