Der lange Treck durch Eis und Schnee

Norwegen 1982–1983

»Keiner, der nur einmal Lapplands Sonne trank, kann anderswo glücklich sein.«
— Lars Levi Laestadius (1800-1861)

Die vierzipfelige Kopfbedeckung, »die Mütze der vier Winde«, sowie die reichverzierte Tracht der Lappen, die »Kofta«, wird nur noch von einigen Rentierzüchtern ganzjährig getragen. Farben, Muster und Schnitt der Tracht verraten die Herkunft des Trägers.

Lappland

Sechs Monate begleitete ich Rentierhirten auf der alljährlichen Wanderung ihrer Herden zu den Sommerweiden in Lappland. Ich habe das entbehrungsreiche Leben während der Wanderung kennengelernt, die bescheidenen Freuden, die Enttäuschungen und die Härte dieser Arbeit.

Ich kam nach Lappland mit den Entzugserscheinungen des zivilisationsmüden Großstädters, der Sehnsucht nach einer unberührten Natur und einem unverstellten Horizont. In den »Samen« fand ich eine Volksgruppe, die sich den Kontakt zu einer naturnahen Lebensweise und die Eigenschaften eines alten Nomadenvolkes bis auf den heutigen Tag bewahrt hat.

Zurückblickend sehe ich meine Bilder und Aufzeichnungen während meines Aufenthaltes in Lappland weder als sentimentale Verklärung einer unwiederbringlich verlorengehenden Lebensform noch als oberflächliche Verachtung unseres so zielstrebig »zivilisierenden« Fortschritts, sondern als Aufforderung zur Erhaltung und zur Rückgewinnung dessen, was im Namen dieses Fortschritts bedenkenlos zerstört und nivelliert wird, als Bereitschaft, wieder zu lernen, Natur zu respektieren und als Hoffnung, dass trotzdem und gerade deshalb diese alte Tradition der samischen Nomadenkultur auch weiterhin ihre Lebenskraft beweist.

Der Herbst ist die Jahreszeit der großen Rentierauftriebe. In Gehegen werden die tausendköpfigen Herden gesammelt und die zum Schlachten bestimmten Tiere ausgesondert.

Bevor die Frühjahrswanderungen zur Küste beginnen, treffen sich die Rentierbesitzer in ihrer Feiertagskleidung zum Gottesdienst in der lutherischen Holzkirche Kautokeinos.

Demonstration der Samen als Protest gegen den Bau des Alta–Staudamms. Die Regierung setzte den Bau schließlich gewaltsam mit der größten Polizeiaktion in der Geschichte Norwegens durch.

Tagebuch – Oktober 1982

Die Erschließung der Bodenschätze in traditionellen Siedlungsgebieten der Samen kollidierte mit den Interessen und der Lebensweise der Rentierzüchter. Beispielsweise sind die Flüsse Lapplands ein gewaltiges Potential an Hydro-Energie, die den Ausbau des Kraftnetzes und die Energieversorgung Norwegens verbessern soll. Der Plan, am Oberlauf des Alta-Kautokeino-Flusses ein riesiges Wasserkraftwerk zu bauen und den Fluss durch eine 110 Meter hohe Betonwand aufzustauen, löste einen organisierten Aufstand der Samen aus. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte demonstrierten sie. Doch in der größten Polizeiaktion Norwegens wurde das Gelände geräumt. Jetzt wird weitergebaut.

Im Frühjahr, wenn die Rentiere zu den Sommerweidegebieten in Küstennähe aufbrechen, folgen die Hirten auf Motorschlitten den Wandergewohnheiten der Herden.

Vor stärkster Kälte und dem schneidenden Fahrtwind schützt die traditionelle Winterkleidung der Samen: Schuhe, Beinkleider und Mantel sind aus Rentierpelz, darüber der dichtgewebte Wetterumhang aus Loden, die »Lukka«.

Der 42-jährige Mathis Sara stammt aus einer Lappensippe, die seit Generationen Rentierzucht betreibt. Vom Vater übernahmen er und seine drei Brüder die Herde, die sie gemeinsam mit ihren Familien nach uraltem Brauch betreuen.

Der vierjährige Nils aus Kautokeino spricht noch kein Wort norwegisch, kennt aber bereits Hunderte von unübersetzbaren Wörtern für das Rentier. Schon in jüngsten Jahren lernen die Kinder die Methoden des Hütens und das Treiben der Herde.

Tagebuch – April 1983

Erst bei Erreichen der Kalbungsplätze gegen Ende April wird ein festes Lager errichtet, denn hier bleibt die Herde für mindestens einen Monat. Es ist der einzige feste Punkt auf der Wanderung ins Sommerland. Tagsüber schaue ich Mathis zu, wie er aus knorrigem Birkenholz kunstvolle Tassen schnitzt oder Rentierfelle gerbt. Seine Frau Ellen Kristine kommt mit ihrem Sohn für einige Tage zu Besuch. Der vierjährige Nils spricht noch kein Wort norwegisch, kennt aber bereits Hunderte von unübersetzbaren Wörtern für das Rentier, je nach Farbe, körperlichen Merkmalen, Geschlecht, Alter und Zahmheitsgrad. Rentierzucht steht auf dem Stundenplan. Schon in jüngsten Jahren lernen die Kinder die Methoden des Hütens und das Treiben der Herde.

Kranke und schwache Tiere werden als Verpflegung auf der Wanderung geschlachtet und ergänzen den ohnehin knapp bemessenen Proviant. Markknochen und die getrockneten Blutmägen sind bei der einseitigen Kost eine wichtige Kraftnahrung.

Mit Bohrern wird der dicke Eispanzer der zugefrorenen Seen durchlöchert, um mit einfachen Angelschnüren Lachsforellen zu fangen. Die Fische werden gebraten, gekocht oder eingesalzen zum Trocknen aufgehängt.

Wenn die Rentierhirten ihren Herden folgen, wohnen sie noch immer in leicht transportablen Nomadenzelten. Es ist rasch aufgebaut und ebenso schnell wieder abgebaut. Es ist Schlafraum, Küche und Lager zugleich.

Tagebuch – Februar 1983

Mathis stellt an einer windgeschützten Stelle das Zelt auf. Über ein Gerippe von Gabelstangen wirft er das Zelttuch. Den festgestampften Schneeboden isolieren wir mit einer dicken Schicht Birkenzweige und eine Lage aus Rentierfellen. In der Zeltmitte legen wir eine Feuerstelle an. Am Morgen, als wir aufwachen, ist es im Zelt ebenso kalt wie draußen. Mathis bläst in die Glut vom Vorabend und legt Reisig nach. Über dem schnell aufflammenden Feuer tauen wir in einem Topf Schnee für Kaffeewasser auf und grillen ein Stück steinhart gefrorenes Rentierfleisch.

Rentierschuhe werden mit einem getrockneten Riedgras gefüttert. Das Gras isoliert und wärmt den Fuß besser als jede Wollsocke.

Vom transportablen Wohnzelt sieht der Hirte mit einem Blick, was sein Leben bestimmt: die Herde, die Weide und jeden Wetterwechsel.

Im Frühjahr, wenn die Herden die Kalbungsplätze erreicht haben, werden die neugeborenen Jungtiere mit dem Lasso herausgefangen und mit dem Erkennungszeichen ihrer Besitzer versehen.

Immer wieder wird die Herde in Gehegen gesammelt. Die alten und kranken Tiere, die die Wanderung nicht überstehen würden, werden ausgemustert und als Verpflegung geschlachtet, Bullen zum Kastrieren herausgefangen.

Tagebuch – Mai 1983

Um drei Uhr morgens jagen wir im Licht der Mitternachtssonne die Herde ein letztes Mal in die Umzäunung, um die neugeborenen Kälber zu zeichnen. Mit dem Lasso werden die Jungtiere gefangen, mit dem Messer wird eine Schnittmarke ins Ohr des Kalbes gesetzt. Alle Renmarken werden weitervererbt und sind in einem Register hinterlegt. Die ausgeschnittenen Ohrstücke werden aufgehoben, getrocknet und auf eine Schnur gefädelt. Die Anzahl entscheidet über die Bilanz des Renzüchters, wie viele Kälber seine Tiere zur Welt gebracht haben.

So lange das Kalb noch dem Muttertier folgt, muss es mit dem Besitzerzeichen, einer Kombination von Kerben und Schnitten ins Ohr des Tieres geritzt werden.

Jedes Zeichen im Ohr des Jungtieres ist gesetzlich geschützt und registriert, und jedes Familienmitglied besitzt seine eigene Kombination von Schnitten.

Anders als früher wird auch die vorgelagerte Insel Soroya als Sommerweide genutzt. Die Rentiere werden auf Fähren getrieben und übergesetzt.

Tagebuch – Februar 1983

Inzwischen hat sich der Rentierbestand in Lappland explosionsartig vergrößert. Auch wenn die Hochebenen der Finnmark mit knapp 30.000 Quadratkilometern das größte Rentierweidegebiet der Welt sind, reichen die Weideflächen nur für maximal 90.000 Rentiere. Die tatsächliche Anzahl liegt aber heute weitaus höher. Zudem braucht ein einmal abgeweidetes Gebiet fünfzehn Jahre, bis es erneut genutzt werden kann. Denn nichts ist so knapp bemessen, wie das auf die Monate Mai und Juni begrenzte Wachstum unter den extremen klimatischen Bedingungen. Anders als früher, werden deshalb viele Herden mit der Fähre bis auf die vorgelagerten Inseln transportiert.

Flüsse, Meerengen und Fjorde sind für Rentiere kein Hindernis auf dem Weg zur fruchtbaren Sommerweide.

Das Ziel der Wanderung: Samensiedlung im Sommerweidedistrikt Spalcca nahe der Küste.